Nicht
erst heute, auch Anfang der 60er Jahre sah sich die SPD an der
Schwelle zur Regierungsführung mit der Frage ihrer künftigen
Politik
und Organisation konfrontiert. Neue Perspektiven wurden damals vor
allem in der Gesellschaftspolitik vorgestellt, so für die
Entwicklung
der Sozialstaatlichkeit und der Bildungschancen. Mit Willy Brandt und
der Friedenspolitik erwarb sich die Partei im eigenen Land große
Unterstützung und internationale Reputation.
Mit dem
Prozess politischer Erneuerung verband die Partei die Reform
ihrer Organisation und politischen Arbeit. Sie öffnete sich mit
ihrem
Godesberger Grundsatzprogramm gegenüber der Gesellschaft und
stärkte
damit ihre Beziehungen insbesondere zu Arbeitnehmern, Frauen,
Jugendlichen, Gewerkschaften, Kirchen und Sozialorganisationen. Diese
Zeit wurde auch zur Geburtsstunde der „Arbeitsgemeinschaft für
Arbeitnehmerfragen“.
Die Beziehungen zwischen der Partei und den erwerbstätigen
Menschen
sollten enger geknüpft werden. Zwar gab es in der Nachkriegszeit,
vor
allem an der Küste, in Niedersachsen und im Ruhrgebiet, schon
zahlreiche Betriebsgruppen der SPD und regionale Arbeitsgemeinschaften,
im weiten Land aber auch große Defizite. Eine bundesweite,
flächendeckende Arbeitnehmerorganisation der SPD sollte entstehen.
Vor
allem Herbert Wehner sah voraus, wie sehr die Bindung zwischen
Sozialdemokratie und Arbeitnehmerschaft und damit auch zu den
Gewerkschaften die Gestaltungs- und Regierungskraft der SPD
beeinflusst. Er räumte mit der Vorstellung auf, dass die
Arbeitnehmer
gleichsam von vornherein und wie selbstverständlich die
„Hausmacht“ der
SPD seien. Deren Vertrauen, so Wehner, müsse sich die Politik
immer neu
erwerben und verdienen.
„Überall müssen Autorität und Tradition sich die Frage
nach ihrer
Rechtfertigung gefallen lassen, weder Kirche noch Staat sind von
bohrenden kritischen Fragen ausgenommen.“ Solidarität, so Wehner,
bedeute nicht „eine Hand wäscht die andere“. Sie habe sich
vielmehr
darin zu zeigen, wie die Interessen der großen Zahl der
arbeitenden
Menschen zur Geltung gebracht werden. Die Partei habe vielfältige
Aufgaben, die wichtigste sei aber die Kommunikation mit den
Arbeitnehmern. Seine enge Bindung zur Arbeitnehmerschaft war nicht von
tages- oder wahlpolitischer Vordergründigkeit geprägt,
sondern von dem
Kern seines politischen Strebens nach sozialer Sicherheit,
Chancengleichheit, humanen Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung und
gerechten Einkommensverhältnissen. In den Schritten, die über
einen
„Arbeitnehmerbeirat“ beim Parteivorstand hinaus zur Gründung der
AfA
führten, sah Wehner die „Organisation für angewandte
Politik“. Die
Arbeitsgemeinschaften, so auch für Frauen und Jusos, sollten
„weite
Antennen“ in die Gesellschaft auslegen. Deren gesellschaftliche
Effizienz, nicht parteiinterne Resolutions-, Szene- und Karrierespiele,
waren der Gradmesser. Entscheidend war: Wie aktionsfähig ist die
politische und soziale Bewegung?
Im
Oktober 1973 fand in Duisburg der Gründungskongress der AfA
statt, repräsentiert durch 300 Delegierte aus den 22 Landes- und
248
Unterbezirken der Partei. Nahezu 3000 Betriebsgruppen und
Vertrauensleute aus Betrieben und Verwaltungen bildeten in den 70er
Jahren die Basis der Arbeitsgemeinschaft. Helmut Rohde, der mit
großer
Mehrheit zum Vorsitzenden der AfA gewählt wurde, macht in Duisburg
von
vornherein klar: „Die AfA ist kein Ersatz für die Aufgabe und
Verantwortung der SPD in ihrer Gesamtheit, eine an den Lebensinteressen
der Arbeitnehmer orientierte Politik durchzusetzen. Wir haben der SPD
vielmehr zu helfen, das zu erfüllen, sie so nahe wie irgend
möglich an
den Arbeitsplatz und die Erfahrungswelt der Arbeitnehmer
heranzuführen.
Die Arbeitnehmer sind kein Flügel, sie gehören zur Substanz
der
Gesellschaft. Ihr Selbstbewusstsein gründet sich auf Teilhabe und
Mitbestimmung.“
Mit der
Gründung der AfA wurde auch die Konsequenz aus der Erfahrung
gezogen, dass die Wohnortorganisation der Partei allein und auf sich
gestellt, keine ausreichende Verbindung zur Arbeitswelt und zu den
Gewerkschaften schaffen kann, weil sie in ihrer Arbeit vor allem auf
kommunalpolitischer Themen fixiert ist.
Die
Arbeitnehmer wussten: Zur Durchsetzung von Arbeitnehmerpolitik
bedarf es politischer Mehrheiten. Für die AfA hieß das:
Regierung und
soziale Bewegung gleichzeitig zu sein und keinen dieser Ansprüche
zu
des Lasten des anderen zu vernachlässigen. In dem Spannungsfeld
zwischen Politik, Staat und Gesellschaft gestaltete sich
sozialdemokratische Arbeitnehmerpolitik. Durch die Unterstützung
vieler
und mit den Freunden aus den Gewerkschaften gewann die AfA mit
zahlreichen zentralen und regionalen Arbeitnehmerkonferenzen,
Initiativen und Foren wie „Arbeit und Technik“, „Humane
Arbeitsbedingungen“ und „Arbeit und Umwelt“ Mobilisierungskraft und
politisches Gewicht. Durch ihren Einfluss auf die Politik, ihre Rolle
im Arbeitsleben, in den Gewerkschaften und in der Partei, hatten die
sozialdemokratischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht nur ihren
Anteil an den Wahlerfolgen und an der Mitgliederwerbung der Partei,
sondern auch an der sozialstaatlichen Entwicklung: Lohnfortzahlung,
Betriebsverfassungsgesetz, Ausbau der Mitbestimmung, Verbesserung der
Arbeits- und Sozialbeziehungen, Betriebsärztegesetz, Humanisierung
des
Arbeitslebens, Reform der beruflichen Bildung.
Aber nicht nur die sozialen Verhältnisse in Deutschland, auch die
europäische Zukunft bewegte die Diskussion. In Bonn fand die erste
und
bisher einzige Sozialkonferenz der sozialdemokratischen Parteien in
Europa unter der Leitung von Helmut Rohde statt. Das Bild von Europa
als Sozialunion erhielt auf dieser Konferenz erste Konturen. So
leisteten die sozialdemokratischen Arbeitnehmer in den 70er Jahren
einen gestaltenden, auch stabilisierenden und unersetzlichen Beitrag
für sozialdemokratische Politik und Regierungsführung unter
Willy
Brandt und Helmut Schmidt. Durch das Wirken der AfA stärkte die
SPD
nicht nur unter Wählern und Mitgliedern, sondern auch im
Gefüge der
Mandatsträger ihr Arbeitnehmerprofil: Landes- und
Bezirksvorsitzende,
Abgeordnete und Regierungsmitglieder kamen aus ihren Reihen. Eine
Entwicklung, die an Karat und Farbe längst verloren hat.
II.
Welche
Rolle spielen die Arbeitnehmer in der SPD heute? Fest steht:
Mit der Gründung der AfA wurde seinerzeit ein Prozess eingeleitet,
der
darauf abzielte, das Fundament der Partei in den Betrieben durch gute
Verbindungen zu Betriebsräten, Vertrauensleuten und
Gewerkschaftern zu
festigen und zu verbreitern, die Arbeitnehmer über
sozialdemokratische
Politik zu informieren, ihre Interessen in der politischen
Willensbildung der Partei zu Geltung zu bringen, die Zusammenarbeit mit
den Gewerkschaften zu vertiefen und die gesellschaftliche Öffnung
der
Partei durch gute Beziehungen auch zu den konfessionellen
Arbeitnehmerorganisationen zu unterstützen.
Die Hinwendung der Politik zur Arbeitnehmerschaft wurde von der AfA
nicht nur formal verkörpert, sondern aktiv betrieben. Dieser
Prozess,
der vor allem in den 70er Jahren ganz wesentlich zur strukturellen
Mehrheitsfähigkeit der Partei beitrug, ist nahezu vollständig
zum
Erliegen gekommen. Was sind die Ursachen?
Unbestreitbar haben die wirtschaftlichen Strukturveränderungen der
Partei vielfach den Boden für betriebliche Bindungen und
Vertrauensarbeit entzogen. Wo sich die SPD einstmals auf tausende von
Betriebsräten und Vertrauensleuten stützen konnte, stehen
heute oft
stillgelegte Betriebe und Zechen. Betriebsteile wurden ausgegliedert,
Arbeitsplätze in Billiglohnländer verlagert oder
privatisiert.
Traditionelle Betriebsstrukturen sind modernen
Dienstleitungsunternehmen gewichen. Auch die nachlassende Bereitschaft
in der Gesellschaft, sich dauerhaft an Organisationen zu binden, wirkt
sich nachteilig aus.
Besonders schwach ausgebildet ist die Parteibindung von Arbeitnehmern
in Ostdeutschland. Auch der deregulierte Arbeitsmarkt hinterlässt
seine
Spuren: Immer weniger Arbeitnehmer finden einen sicheren Arbeitsplatz.
Der Arbeitsmarkt wird zunehmend von Leiharbeit, befristeter Arbeit,
Praktika und Niedriglohnjobs geprägt. Das widerspricht dem
Grundbedürfnis der Menschen nach sozialer Sicherheit und
Lebensplanung.
Die wachsende Spaltung und Entsolidarisierung der Gesellschaft beginnt
in der Arbeitswelt. Das ist eine große Herausforderung für
die
Sozialdemokratie.
Mit der
Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen hat sich gezeigt, wie
sehr Reformpolitik auf gesellschaftliches Verständnis und
Unterstützung
angewiesen ist, um hohe Vertrauensverluste bei Arbeitnehmern und
Gewerkschaften zu vermeiden. Reformpolitik kann man nicht nur „von
oben“ machen, sie erfordert gesellschaftlichen Dialog.
Es gibt auch sozialstrukturelle Defizite: Sozialdemokratische
Parteitage und Parlamente stellen in ihrer Zusammensetzung eine
einseitige Auswahl der Bevölkerung dar, bei der öffentliche
Dienstleistungsberufe dominieren. Betriebliche und gewerkschaftliche
Erfahrungen bleiben häufig ausgeblendet. Das führt im
politischen
Prozess zur „Erfahrungsverdünnung“ wie Peter Glotz einst schrieb.
Die
Politik verliert an politischer Kompetenz in Kernfragen, die für
die
arbeitenden Schichten von existenzieller Bedeutung sind.
Arbeitnehmerpolitik und Vertrauen entwickeln sich nicht von selbst!
III.
Ein Zurück zu den für die SPD und die Gewerkschaften
erfolgreichen 70er
Jahren wird es nicht geben. Aber auch unter veränderten
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen bleibt die für
die
politische Mehrheitsfähigkeit der Partei entscheidende Frage nach
ihren
Beziehungen zu den Arbeitnehmern und deren Teilhabe an Politik. Welche
Schritte unternimmt die Partei in politischer und organisatorischer
Hinsicht, um ihre Vertrauensbasis im Arbeitnehmerbereich zu
stärken?
Es muss entschieden werden, ob die Arbeitswelt und damit die Millionen
von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Industrie und im
Dienstleistungsbereich, Betriebsräte, Personalräte,
Vertrauensleute,
Gewerkschafter, direktes Ziel der politischen Ansprache und
Unterstützung durch die Partei sind. Dabei geht es nicht nur um
bessere
Kommunikation, es geht auch um Beteiligung.Sozialdemokratische Politik
und Arbeitswelt dürfen sich nicht entfremden. Mit technischer
Kommunikation allein lässt sich der Kontakt nicht halten oder gar
herstellen. Sie spendet keine Solidarität. Zugespitzt lautet die
Frage:
Wie will die SPD organisieren, dass die Erfahrungen aus der heutigen
Arbeitswelt in ihre politische Willensbildung einfließen? Eines
ist
klar: Mit der Art der Mentalität herkömmlicher Organisation
kann diese
Herausforderung nicht begrenzt werden. In einer Zeit des Umbruchs mit
seinen sozialen Unsicherheiten und Orientierungsproblemen bedarf es
neuer gesellschaftlicher Wege und politischer Angebote, mit denen sich
die Partei denjenigen öffnet, die zur Arbeitswelt, zu den
Gewerkschaften und sozialen Organisationen gehören.
Will man Öffnung und Verständigung statt introvertierter
Gremienarbeit,
dann bedarf es der Zusammenarbeit mit den gesellschaftlichen Gruppen,
des offenen Gesprächs zwischen Politik und der Arbeits- und
Berufswelt.
Das Wort von gesellschaftlicher Integration statt Entfremdung
erhält
daraus seinen Sinn. Die Politik muss ihren Charakter ändern! Ohne
Verwurzelung im Volk und Verbindung zu den arbeitenden Menschen, ohne
überzeugende politische Angebote und Verbindlichkeiten schafft sie
das
nicht. Das Ziel ist eine große Anstrengung wert.
Walter
Edendorfer Juli 2007